Worin liegen die Unterschiede zwischen dem Auftragsmodell und dem „klassischen“ Mantle of the Expert?

Das Auftragsmodell scheint eine logische Weiterentwicklung von Mantle of the Expert zu sein. Schließlich wird in Mantle ein fiktiver Kunde mit einem fiktiven Auftrag vorgestellt und vereinbart, diesen wie einen realen zu behandeln. Im Auftragsmodell gibt es einen echten Kunden und eine echte Aufgabenstellung. Aber aus dieser Veränderung ergeben sich einige tiefgreifende Folgen...

Der Lehrplan

Bei MoE kann der Lehrer den Kunden und den Auftrag frei erfinden, um die Lehrplanziele zu erreichen. Im Auftragsmodell gibt es diesbezüglich weniger Freiheiten. Dorothy selbst erklärte: „Der Auftrag treibt das Lernen voran“. Der „Lehrplanbezug“ entsteht hier als Folge aus den Anforderungen des jeweiligen Auftrags, „während wir überlegen, was wir wissen müssen um erforschen zu können“.

 

Die Geschichte und das Element Spannung

Beim Auftragsmodell gibt auch weniger Freiheit beim Erfinden von Teilaufgaben oder der Rahmenhandlung. Betrachten wir ein Beispiel:

In der Vorbereitung auf dieses Projekt schafften wir zusammen mit Luke Abbott die Grundlagen für ein Gespräch mit einer vierten Klasse der Woodrow School. Lukes Plan war es, eine fiktive Rahmenhandlung zu etablieren: Die Teammitglieder waren als Lehrer in Rolle [teacher in role] Umweltbeauftragte, die Hilfe brauchten, um das Problem illegalen Müllabladens in ihrem Gebiet zu beheben. Luke nahm einen Vorschlag der Klasse auf, eine dramatische Szene zu schaffen, die ein Element der „Spannung“ beinhaltete: Die Kinder entschieden sich zu einer Gruppe von Ermittlern zu werden, die sich eines Morgens in einem Park versteckten, um illegale Müllentsorger (dargestellt durch Teammitglieder in Rolle) auf frischer Tat zu ertappen.

In dieser Szene gab es demnach eine „Geschichte“ und ein Element der „Spannung“.

Lukes Hintergedanke war es, dass die Kinder, nachdem sie einen fiktiven „Auftrag“ wie diesen bewältigt hatten, später eine echte Aufgabe aus dem Bereich des Umweltschutzes übernehmen könnten.

Im Falle eines realen Auftrags gäbe es aber offensichtlich weniger Freiheit, dramatische Situationen zu erfinden oder eine „Geschichte“ zu entwickeln. Daraus ergibt sich die Frage inwieweit sich die Kinder für diesen Auftrag begeistern lassen werden.

In Lukes Projekt wurde die Klasse wohl durch die inszenierten Szenen, also die Spannung die sie bei der Überwachung der „Müllentsorger“ erlebt haben, für den Auftrag begeistert.     

 

Die Woodrow School hat sich auf den Unterricht mit Mantle spezialisiert. Die Mitarbeiter sprechen hier oft von der „Geschichte“ [story] – und die Kinder sind es gewohnt, nach Elementen einer Geschichte zu suchen. (Erfahrungsgemäß tun Kinder dies von sich aus intuitiv.)

Dies zeigte sich auch in einem anderen Projekt an der Woodrow School während unserer Trainingswoche deutlich, als dieselben Kinder eine vom Team bereitgestellte Attrappe einer Apotheke aus den 1920er Jahren untersuchten. Die Kinder suchten nach Informationen über den Besitzer, Mr. Doo. Sie entdeckten eine Flasche mit der Aufschrift „Gift“ – und sie interessierten sich sehr für die Flasche und wofür Mr. Doo das Gift verwendet haben könnte, und begannen, verschiedene mögliche Szenarien oder „Geschichten“ zu entwickeln.  

Ein Lehrer, der ein solches Mantleprojekt leitet, könnte sich an dieser Stelle entscheiden, diese Idee aufzugreifen und könnte den weiteren Verlauf in verschiedenste Richtungen lenken. Bei einem Auftragsmodell gäbe es jedoch folgende Einschränkung: Die Kinder könnten keine Handlung über Herrn Doo erfinden, sondern müssten sich an die „Fakten“ über sein Leben und seine Arbeit als Apotheker halten. 

Verantwortung

Ein Hauptunterschied ist, dass die relative „Sicherheit“ des Erfundenen entfernt wurde. Dorothy selbst sprach diesbezüglich von Drama als einem „straffreien Raum“, in dem die Teilnehmer nicht mit den Folgen ihrer Entscheidungen und Handlungen leben müssen. Im Auftragsmodell gibt es jedoch einen realen Auftraggeber - und die Arbeit hat reale Folgen.

Als wir unser Erasmus+-Projekt begannen, spekulierten die Teammitglieder darüber, dass jüngere Kinder (wie die Klassen in Woodrow) durch die Verantwortung eines echten Auftrags ein wenig eingeschüchtert werden könnten. Gleichsam könnte ihnen auch das „Fesselnde“ (engl. hook) oder der „Aufforderungscharakter“ (engl. appeal) einer Geschichte fehlen. Die Lehrer könnten darüber hinaus besorgt sein, dass ihre Kinder ein Scheitern erleben könnten.

Möglich wäre jedoch auch, dass einige ältere Kinder und Schüler tatsächlich besser auf einen realen Auftrag, als auf einen erfundenen „anspringen würden“, da sie diesen als ernsthafter empfinden und die Verantwortung, die ihnen übertragen wird, wertschätzen würden. Dieser Aspekt zeigt sich in einem Zitat eines der Jugendlichen, die an der Hexham Garden Commission teilgenommen haben: „Das ist das erste Mal, dass etwas, was ich in der Schule getan habe, für irgendjemanden bedeutsam war.“ (Quelle: Vision)

Expertenwissen / Fachkompetenz

Bei Mantle ist es eines der Grundprinzipien, dass die Kinder nie irgendwelche Aufgaben übernehmen, die ihren Mangel an wirklicher Expertise entlarven würden. Sie können beispielsweise ein Team von „Schuhmachern“ sein. Sie werden eine Reihe von Arbeitsschritten übernehmen, die mit der Schuhherstellung zu tun haben, wie Design, Messen, Marketing usw. Allerdings werden sie nie echte Schuhe herstellen, da sie nicht über das nötige Fachwissen dafür verfügen – sie werden schließlich ja auch nicht dafür ausgebildet, echte Schuhe herzustellen.

Im Auftragsmodell hingegen gibt es natürlich einen echten Auftrag, und die Arbeit hat reale Folgen. Bedeutet dies, dass die Kinder reale Fähigkeiten erlernen müssen, um die Anforderungen einer solchen Aufgabe erfüllen zu können?

Die Art des Auftrags muss unter diesem Aspekt mit dem Auftraggeber ausgehandelt werden, um sicherzustellen, dass das Erfüllen der Anforderungen auch im Rahmen der Fähigkeiten der Kinder bzw. Schüler liegt. Dorothy legte daher fest: „Wie in der Welt außerhalb der Schule, muss ein Auftrag klar definierte Rahmenbedingung haben, damit er erfüllbar bleibt.“ (Quelle: Vision)

Es ist an dieser Stelle erwähnenswert, dass die Kinder bei dem Hexham Garden Auftrag nicht den endgültigen Plan für den Garten erstellt haben. Stattdessen wurde dieser von einem professionellen Gartendesigner ausgearbeitet. Allerdings präsentierte das Team dem Krankenhausausschuss einen Bericht, der eine Reihe von Aspekten enthielt, wie beispielsweise Wasserversorgung oder Sonnenlicht, die ihrer Meinung nach berücksichtigt werden mussten, bevor der Garten in die Entwurfsphase eintreten konnte. Außerdem wurden relevante Fragestellungen geäußert, wie: 

„Was sollte das Gedenkelement bilden? Ein wachsender Baum oder eine abstrakte Form? Wie sollte es aufgebaut und beschriftet sein?“ und: „Soll es einen Bereich geben, der den Interessen der Kinder gewidmet ist? Falls ja, wie könnte dieser aussehen?“

Der Bericht enthielt darüber hinaus auch ein Buch mit Gartengeschichten und Gedichten, die von den Kindern verfasst worden waren, deren eigene Visionen, Modelle, Vorschläge, Zeichnungen, Ausstellungsstücke, Spielszenen, sowie kurze Vorträge und schriftliche Notizen.

 

Der Landschaftsarchitekt für den Hexham Garten, John Goodfellow, erklärte, dass das endgültige Entwurfskonzept stark auf der Arbeit der Kinder beruhte. Er stellte fest: „Diese Arbeit zielte darauf ab, die Gefühle der zukünftigen Nutzer des Gartens und interessanterweise die des Gartens selbst zusammenzubringen. ... Ich war beeindruckt von der Schärfe einiger der von den Schülern produzierten Verse. Beeinflusst von diesen Emotionen habe ich das Gefühl entwickelt, dass der Garten nicht schroff und modern sein sollte, sondern einen abgegriffenen, glattgeschliffenen, Ruhe und Geborgenheit ausstrahlenden Eindruck erwecken soll. Vor allem soll es vertraut erscheinen… „ (Quelle: Vision)

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