Die Verwendung von schauspielerischen Elementen im Auftragsmodell

Im Auftragsmodell übernehmen die Schüler Aufgaben, um einen realen Auftrag für einen echten Kunden abzuschließen. Wo ist also das dramatische Element?

​In der Hexham Hospital Garden Commission führte Dorothy eine Reihe von Aufgaben ein, die es dem Auftragsteam [commissioners] ermöglichen sollten, über den Wert und die Bedeutung des Gartens für seine Besucher oder potenzielle Nutzer nachzudenken und zu reflektieren. Und bei diesen Aufgaben benutzte sie verschiedene schauspielerische Komponenten.

Dorothy definierte 33 dramatische Elemente, die im Klassenzimmer eingesetzt werden können, um den Fortschritt zu verlangsamen und damit den Schülern die Möglichkeit geben, die Bedeutung von Teilaspekten gründlich zu erforschen.

Das Team entschied sich dafür, eine Umfrage durchzuführen, um die Ansichten der Menschen über den neuen Garten herauszufinden. Sie legten vier Orte fest, an denen die Interviews stattfinden sollten.

Es wurden Broschüren angefertigt, um den Befragten den Zweck der Umfrage zu erläutern. „Aber das eigentliche Problem war, sie dazu zu bringen uns Zeit zu schenken“, erinnerte sich Dorothy. „Wie konnten wir Menschen dazu veranlassen innezuhalten, um von uns interviewt zu werden?“  Immerhin „mag es seltsam erscheinen, dass fremde Leute auf einen zukommen und fragen, was man über den neuen Garten des Krankenhauses denkt. Die Menschen sind sich dessen Existenz möglicherweise nicht einmal bewusst, und es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass sie zu diesem Thema gar keine Meinung haben.“

In einer Sitzung wurde der Theaterraum in verschiedene Bereiche aufgeteilt: Der „Co-op“, der „Tesco“, die „Ambulanz“ und der „Hexham Marktplatz“. Jeder „Schauplatz“ enthielt ein paar Stühle und einen Tisch, auf dem Fragebögen und Stifte bereit lagen. „Queen Elizabeth High School Garden Commission“ stand auf einer Karte neben jedem Tisch. Die Gruppe arbeitete in Teams, eines für jeden „Schauplatz“.

An den Rändern der jeweiligen Zonen standen zu Beginn der Sitzung Menschen als „Statuen“. Dies ist das dramatische Element Nr. 4: „Die Person in schauspielerischer Rolle, die wie eine 'Statue' vorhanden ist, aber mit der Möglichkeit, diese zu Antwortzwecken zum Leben erwecken und im Anschluss wieder in eine Statue verwandeln zu können.“

Die „Statuen“ waren einige ehemalige Schüler Dorothys, darunter ihr Kollege (und späterer Biograph) Gavin Bolton. Sie repräsentierten verschiedene Mitglieder der Gemeinde, darunter „verschiedene 'ältere' Menschen mit Einkaufstaschen und Gehstöcken, die für einen Märztag in Hexham warm gekleidet waren“.

Bezeichnenderweise erhielt jede der „Statuen“ ihre eigene persönliche „Geschichte“ - wie zum Beispiel: „Jemand, der es eilig hat und seine Theaterprobe nachholen will“.

Hier sind einige der Notizen, die Dorothy für die verschiedenen „Statuen“ produziert hat:

Rolle 1: Als ich heute Morgen aufwachte, sah ich auf meinem rechten Auge nur sehr verschwommen. Es dauerte mindestens fünf Minuten, um wieder klar sehen zu können. Allerdings ist es für mich immer noch ungewohnt, mit einem Auge klar sehen zu können und auf dem anderen praktisch blind zu sein. ...  Ein Tag wie dieser tritt nur sehr selten auf, aber ich denke, es zeigt, wie sehr das Alter dich verändert.

Rolle 2: ... Ich war Modellbauer, aber meine Karriere ging den Bach runter, als ich mein Hörvermögen in meinem rechten Ohr verlor. Ich konnte nicht mehr hören, was mein Agent mir sagte, und er sagte mir, dass es so nicht funktionierte und ich musste meinen Job aufgeben. ... Ich höre außerdem auch auf dem linken Ohr zunehmend schlechter. Bald werde ich wahrscheinlich nichts mehr tun können.  ...

Die verschiedenen „Personen“ betraten also die verschiedenen Schauplätze oder „Geschäfte“. Die Kinder versuchten, sie aufzuhalten, um sie von einer Teilnahme an der Umfrage zu überzeugen. (Dies ist ein Beispiel des dramatischen Elements Nr. 1: „Die tatsächlich vorhandene Rolle, die sich natürlich, aber charakteristisch verhält und Antworten gibt, sowie auf solche reagiert.“)

Nach einer Weile wurde die Aufgabe von Dorothy angehalten – und die „Einkaufenden“ wurden gebeten ihre Erfahrungen an den verschiedenen Orten zu teilen. Wurden sie höflich behandelt? Waren die Erklärungen verständlich? Waren die Fragebögen leicht zu lesen und auszufüllen? Dies wiederum kann als Beispiel für das Element Nr. 7 gesehen werden: „Die Rolle als Porträt oder Statue, die aber nur „belebt“ wird um zu sprechen, aber nicht bewegungsfähig ist“, oder auch als Nr. 25: „Die Stimme einer Person die belauscht wird, während sie mit einer anderen Person – in informeller Sprache, d.h. mit einem natürlichen Tonfall– spricht.“ Dorothys Ziel war es sicherlich, beim Team ein Gefühl für das zu fördern, was sie den „Selbstbetrachter“ (Engl.: self-spectator) nannte: d.h. ein Bewusstsein für die Bedürfnisse des Klienten zu wecken, das „jedem bewusstmacht, warum diese Dinge getan werden müssen“.

Gavin Bolton sagte, er mochte die Art und Weise, „wie sie das Modell des neuen Krankenhauses präsentierten, ich fand es wirklich interessant und nützlich, weil ich nicht wusste, dass es ein so großes Krankenhaus werden würde“. Einer der „Einkäufer“ sagte, er habe Schwierigkeiten gehabt, die Fragen zu verstehen und das Team erkannte, dass sie dieses Problem in einer lauten Geschäftsumgebung berücksichtigen müssten. Im Anschluss an diese Sitzung überarbeitete das Team seine Pläne für die Umfrage und es gelang am Ende, hunderte von Menschen zu interviewen.

Auf der einen Seite mag dies einfach wie ein Probelauf für die eigentliche Umfrage erscheinen, die später an realen Orten rund um Hexham durchgeführt wurde. Dorothys Ziel war es auch zum Teil, die Befragenden zu echten Gesprächen zu ermutigen und die Gefahr zu vermeiden, dass sich Menschen wie bei einem „Verhör“ fühlen. Aber es scheint, dass sie darüber hinaus auch versuchte, tiefgreifender zu arbeiten: Die Rollen, die sie erfand, hatten ihre eigenen Bedürfnisse und ihre eigene Lebensgeschichte. Sie benutzte also faktisch Schauspielmethodik, um die menschliche, die affektive Seite zu betonen.

Anstatt als beispielsweise nur an „Blinde“ oder „teilweise Sehbehinderte“ als Gruppe zu denken, begegneten die Kinder den „Rollen“ als Individuen. Die Schauspielerei ließ sie, durch das Erleben von Empathie, tiefer eintauchen. Kathy White-Webster, eine Lehrerin, die bei dem Gartenprojekt eng mit Dorothy zusammenarbeitete, beobachtete, dass diese Erfahrung „den Schülern geholfen hat, die verschiedenen Sorgen zu erkennen, die Gartennutzer haben könnten und ihr eigenes Herz beim Kontakt mit verschiedenen menschlichen Persönlichkeiten miteinzubeziehen“.

Es gibt eine weitere Ebene: Von dem Moment an, als die Schüler hereinkamen und auf die „Statuen“ stießen, die entlang der „Wände“ platziert waren, konzipierte Dorothy die Sitzung als Theaterspiel. Sie strukturierte und formte sie durch verschiedene schauspielerische Elemente fast wie eine Theaterautorin. Und ihre Notizen zeigen, dass sie die „Rollen“ als Charaktere erdacht hat, ähnlich wie es eine Bühnenautorin tun würde.

Sie selbst bemerkte einmal: „Wenn die Lehrer an Theater im Klassenzimmer denken, liegen sie nicht weit daneben.“

Die Verwendung solcher Elemente führte auch zu Verschiebungen in der Perspektive der Gruppe – weg davon die „Statuen“ von außen zu betrachten, hin dazu, ihnen im Hier-und-jetzt zu begegnen, sowie ihre Sicht der Dinge gezeigt zu bekommen.

Diese Darstellung basiert auf Dorothys Artikel: „A Vision Possible“ (Drama, Winter 2003); und „Dorothy Heathcote‘s Creative Drama Approaches“ von Özen / Adgüzel (Creative Drama Journal, 2010); sowie einige von Dorothys persönlichen Arbeitsnotizen.

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